ME/CFS lässt sich nicht anhand eines einzelnen Laborwertes oder einer einzelnen Untersuchung feststellen. Die Diagnose beruht auf dem charakteristischen Krankheitsbild, insbesondere der Post-Exertional Malaise (PEM), und einer sorgfältigen ärztlichen Abklärung.
Darüber hinaus können gezielte Untersuchungen helfen, funktionelle Veränderungen und Regulationsstörungen sichtbar zu machen. Dabei betrachten wir nicht nur einzelne Befunde, sondern versuchen zu verstehen, wie Belastbarkeit, autonomes Nervensystem, Kreislauf, Kognition, Stoffwechsel und immunologische Prozesse miteinander zusammenhängen.
Diagnostik bedeutet für uns mehr als die bloße Suche nach einem einzelnen auffälligen Wert. Entscheidend ist die Zusammenschau aus Krankheitsgeschichte, klinischen Kriterien, Belastungsreaktionen und objektivierbaren funktionellen Befunden.
Die klinische Diagnose
Am Anfang steht eine ausführliche Anamnese. Entscheidend ist nicht nur, welche Beschwerden bestehen, sondern auch wann sie begonnen haben, wie sie sich im Verlauf verändert haben und insbesondere, was nach körperlicher, kognitiver, emotionaler oder sensorischer Belastung geschieht.
Für die diagnostische Einordnung werden etablierte Kriterien herangezogen. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Post-Exertional Malaise, eine deutlich verminderte Belastbarkeit, nicht erholsamer Schlaf, kognitive Beeinträchtigungen sowie autonome und weitere charakteristische Beschwerden.
Gleichzeitig müssen andere Erkrankungen berücksichtigt werden, die einzelne Beschwerden erklären oder zusätzlich zu ME/CFS bestehen können. Differenzialdiagnostik bedeutet deshalb nicht, ME/CFS erst dann anzunehmen, wenn „nichts anderes gefunden wurde“, sondern das charakteristische Krankheitsbild sorgfältig einzuordnen und relevante Begleiterkrankungen zu erkennen.
Was wir untersuchen
Belastbarkeit & PEM
Wie reagiert der Organismus auf körperliche, kognitive oder andere Belastungen? Belastungsreaktionen und ihre zeitliche Dynamik können wichtige Hinweise auf die für ME/CFS charakteristische Post-Exertional Malaise liefern.
Autonome Regulation
Herzfrequenz, Kreislauf und autonome Regulation können bei ME/CFS verändert sein. Je nach Fragestellung untersuchen wir unter anderem orthostatische Reaktionen sowie die Herzfrequenzvariabilität (HRV).
Kognition & Reizverarbeitung
Konzentration, Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit können beeinträchtigt sein und sich unter Belastung zusätzlich verändern. Geeignete Testverfahren können solche Einschränkungen unter wiederholter Belastung nachvollziehbar machen.
Neuromuskuläre Funktion
Muskuläre Ermüdbarkeit und neuromuskuläre Regulation können gezielt untersucht werden. Dabei interessiert insbesondere, wie sich Funktion und Leistungsfähigkeit unter wiederholter Belastung verändern.
Labor & Stoffwechsel
Laboruntersuchungen dienen der Differenzialdiagnostik und können Hinweise auf individuelle Stoffwechsel- und Regulationsveränderungen liefern. Die Auswahl erfolgt gezielt anhand der Anamnese und der klinischen Fragestellung.
Immunologische Regulation
Je nach Symptom- und Befundkonstellation können immunologische Untersuchungen die Diagnostik ergänzen. Einzelne Laborveränderungen werden dabei nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit dem klinischen Krankheitsbild beurteilt.
Funktionsdiagnostik – Veränderungen sichtbar machen
Viele Veränderungen bei ME/CFS zeigen sich nicht zuverlässig in einer einzelnen Untersuchung in Ruhe. Entscheidend kann vielmehr sein, wie ein Regulationssystem auf Belastung reagiert und ob sich seine Funktion im Verlauf oder bei einer Wiederholungsmessung verändert.
Deshalb setzen wir – abhängig von der individuellen Fragestellung und Belastbarkeit – funktionelle Untersuchungsverfahren ein. Sie sollen nicht einen einzelnen „ME/CFS-Wert“ finden, sondern unterschiedliche Aspekte der Erkrankung objektivierbar machen und im Zusammenhang betrachten.
Belastungsdiagnostik und Wiederholungsmessungen
Bei ME/CFS kann eine einmalige Untersuchung die tatsächliche Belastungsstörung unterschätzen. Deshalb untersuchen wir – abhängig von der individuellen Belastbarkeit und der Fragestellung – auch, wie sich körperliche und kognitive Funktionen unter oder nach der Belastung verändern. Wiederholungsmessungen können dabei Veränderungen sichtbar machen, die in einer einmaligen Untersuchung in Ruhe nicht erkennbar sind.
Autonome Funktionsdiagnostik
Das autonome Nervensystem spielt bei ME/CFS eine wichtige Rolle. Wir untersuchen unter anderem Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität (HRV) und Kreislaufregulation sowie deren Veränderungen unter unterschiedlichen Bedingungen. Dabei interessiert uns nicht nur, ob einzelne Messwerte außerhalb eines Normbereichs liegen, sondern insbesondere, wie stabil die autonome Regulation ist und wie sie auf Belastung reagiert.
Kognitive Funktionsdiagnostik
Kognitive Einschränkungen bei ME/CFS betreffen häufig Aufmerksamkeit, Konzentration und Verarbeitungsgeschwindigkeit. Wir untersuchen diese Funktionen mithilfe standardisierter Testverfahren. Von besonderem Interesse ist auch hier die Dynamik: Durch Wiederholungsmessungen lässt sich sichtbar machen, ob die kognitive Leistungsfähigkeit nach vorangegangener Belastung abnimmt, obwohl eine einmalige Testung zunächst noch weitgehend unauffällig sein kann.
Neuromuskuläre Funktionsdiagnostik
Muskelschwäche und eine ungewöhnlich rasche Ermüdung der Muskulatur gehören bei vielen Menschen mit ME/CFS zum Krankheitsbild. Mit standardisierten Belastungs- und elektrophysiologischen Untersuchungen können wir erfassen, wie sich die neuromuskuläre Funktion unter wiederholter Beanspruchung verändert. Dabei können insbesondere die Kraftentwicklung, der Ermüdungsverlauf und Veränderungen der Muskelaktivität wichtige Hinweise auf eine gestörte Belastungsregulation geben.
Neurophysiologische Funktionsdiagnostik
Mit neurophysiologischen Untersuchungen wie dem EEG erfassen wir die elektrische Aktivität des Gehirns. Dabei untersuchen wir, ob sich Auffälligkeiten der neuronalen Aktivität oder Regulation zeigen und wie diese im Zusammenhang mit kognitiven Beschwerden, Reizverarbeitung und dem klinischen Gesamtbild einzuordnen sind.
Sauerstoffaufnahme & Energiestoffwechsel
Die Sauerstoffaufnahme und ihre Veränderungen unter Belastung können wichtige Hinweise auf die körperliche Belastbarkeit und die energetische Regulation liefern. Je nach Fragestellung untersuchen wir deshalb Parameter der Sauerstoffaufnahme und des Stoffwechsels unter definierten Belastungsbedingungen und beziehen deren Verlauf in die Gesamtbeurteilung ein.
Funktionelle Bildgebung des Gehirns
Mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) untersuchen wir die Aktivität und die funktionelle Vernetzung des Gehirns. Von besonderem Interesse sind dabei Regionen und neuronale Netzwerke, die an autonomer Regulation, Aufmerksamkeit, Reizverarbeitung sowie übergeordneten Regulationsprozessen beteiligt sind. Die Ergebnisse werden nicht isoliert bewertet, sondern im Zusammenhang mit dem klinischen Krankheitsbild und den weiteren funktionellen Befunden betrachtet.
Labor- und Stoffwechseldiagnostik
Laboruntersuchungen dienen bei ME/CFS sowohl der Differenzialdiagnostik als auch der Erfassung individueller Stoffwechsel- und Regulationsauffälligkeiten. Welche Parameter untersucht werden, richtet sich nach der Krankheitsgeschichte, dem Symptomprofil und den bereits vorliegenden Befunden. Dabei betrachten wir einzelne Laborwerte nicht isoliert, sondern suchen nach Konstellationen, die im Zusammenhang mit den klinischen und funktionellen Befunden relevant sein können.
Je nach Fragestellung können dabei unter anderem Stoffwechselprozesse, Mikronährstoffversorgung, oxidativer Stress, hormonelle Regulationssysteme sowie weitere biochemische Parameter berücksichtigt werden. Ziel ist nicht eine möglichst große Zahl an Laboruntersuchungen, sondern eine gezielte Diagnostik, die zur individuellen Befundkonstellation passt.
Immunologische Diagnostik
Bei ME/CFS finden sich bei einem Teil der Betroffenen Hinweise auf Veränderungen der Immunregulation. Abhängig von Symptomatik, Krankheitsverlauf und Vorbefunden können deshalb gezielte immunologische Untersuchungen sinnvoll sein. Dabei interessieren insbesondere Hinweise auf chronische oder veränderte Immunaktivierung, auf Entzündungsregulation sowie auf weitere immunologische Regulationsstörungen.
Auch hier gilt: Ein einzelner immunologischer Laborwert stellt keine ME/CFS-Diagnose. Entscheidend ist vielmehr, ob sich Auffälligkeiten in ein nachvollziehbares Muster aus klinischen Symptomen, funktionellen Veränderungen und weiteren Befunden einordnen lassen.
Genetische Enzymdiagnostik – individuelle Regulationsprofile
Genetische Varianten können beeinflussen, wie Enzyme und Regulationssysteme im Organismus funktionieren. Am Prof. Stark Institut untersuchen wir deshalb ausgewählte genetische Enzymvarianten gezielt im Kontext von ME/CFS. Dabei interessieren insbesondere Systeme, die an oxidativem Stress, an Entgiftungs- und Stoffwechselprozessen, an der Neurotransmitterregulation, an der Immunregulation und an der biologischen Stressantwort beteiligt sind.
Entscheidend ist dabei nicht eine einzelne genetische Variante. Viele dieser Varianten kommen auch bei gesunden Menschen vor und sind für sich genommen nicht krankheitsbestimmend. Von besonderem Interesse ist vielmehr, ob sich aus der Kombination mehrerer funktionell relevanter Varianten ein individuelles Regulationsprofil ergibt und ob dieses mit Beschwerden, Laborbefunden und funktionellen Auffälligkeiten in Zusammenhang steht.
Die genetische Enzymdiagnostik verstehen wir deshalb nicht als genetischen „ME/CFS-Test“, sondern als einen zusätzlichen Baustein der personalisierten Diagnostik. Sie kann helfen, individuelle biologische Voraussetzungen besser zu verstehen und Ansatzpunkte für eine gezieltere weitere Diagnostik und Therapieplanung zu identifizieren.
Genetik bedeutet nicht Schicksal.
Genetische Varianten beschreiben biologische Voraussetzungen. Welche Bedeutung sie für einen einzelnen Menschen haben, lässt sich erst im Zusammenhang mit Umweltfaktoren, Krankheitsverlauf, klinischen Symptomen und weiteren Befunden beurteilen.
Vom Einzelbefund zum individuellen Regulationsprofil
Kein einzelner Befund kann die Komplexität von ME/CFS abbilden. Entscheidend ist deshalb die Zusammenschau verschiedener diagnostischer Ebenen. Belastungsreaktionen, autonome Regulation, kognitive und neuromuskuläre Funktionen, neurophysiologische Befunde, Sauerstoffaufnahme und Stoffwechsel, funktionelle Bildgebung, immunologische Veränderungen und genetische Voraussetzungen können unterschiedliche Aspekte des individuellen Krankheitsgeschehens sichtbar machen.
Dabei interessiert uns besonders, wie diese Systeme miteinander zusammenhängen. Auffälligkeiten werden deshalb nicht nur danach beurteilt, ob ein einzelner Wert außerhalb eines Referenzbereichs liegt. Ebenso wichtig können Veränderungen unter Belastung, Wiederholungsmessungen und charakteristische Konstellationen mehrerer Befunde sein.
Aus dieser Zusammenschau entsteht ein individuelles Regulationsprofil. Es soll helfen, die bei einem einzelnen Menschen im Vordergrund stehenden Funktionsstörungen besser zu verstehen und daraus gezielte diagnostische und therapeutische Überlegungen abzuleiten.
Nicht der einzelne auffällige Wert ist entscheidend, sondern das Muster.
Unser diagnostischer Ansatz verbindet klinische Beobachtung mit Funktionsdiagnostik und spezialisierten Untersuchungsverfahren, um ME/CFS als Erkrankung miteinander verknüpfter Regulationssysteme besser zu erfassen.
Diagnostik wird individuell geplant
Nicht jeder Mensch mit ME/CFS benötigt jede der beschriebenen Untersuchungen. Welche diagnostischen Verfahren sinnvoll sind, hängt von der individuellen Symptomatik, dem Schweregrad der Erkrankung, der Belastbarkeit, den bereits vorhandenen Befunden und der konkreten medizinischen Fragestellung ab.
Gerade bei stärker eingeschränkten Betroffenen muss auch die Diagnostik selbst als Belastung betrachtet werden. Untersuchungen sollten deshalb so ausgewählt und geplant werden, dass ihr möglicher Erkenntnisgewinn in einem angemessenen Verhältnis zur körperlichen und kognitiven Belastung steht.
Vorhandene Befunde werden nach Möglichkeit einbezogen, um unnötige Wiederholungsuntersuchungen zu vermeiden. Ziel ist nicht eine möglichst umfangreiche Diagnostik, sondern ein sinnvoll zusammengestelltes Untersuchungsprogramm, das zur individuellen Situation passt.
So viel Diagnostik wie nötig – so wenig Belastung wie möglich.
Bei ME/CFS gehört die Berücksichtigung der individuellen Belastungsgrenze selbst zu einer verantwortungsvollen diagnostischen Planung.
Von der Diagnostik zur individuellen Therapie
Die diagnostische Zusammenschau soll nicht beim Befund enden. Sie bildet die Grundlage dafür, therapeutische Möglichkeiten individuell zu gewichten und Behandlungsansätze an Symptomprofil, Regulationsmuster und Belastbarkeit anzupassen.